20. Februar 2013

Deutschlands naturkundliche Sammlungen – Die Erhaltung der Vielfalt ist gesellschaftlich bedeutsam: Bei einer Tagung der DNFS und des DMB diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Kultur über Möglichkeiten der Rettung von naturhistorischen Museen und Sammlungen in Deutschland.

Berlin. Die naturhistorischen Sammlungen Deutschlands in Museen und Universitäten umfassen derzeit mindestens 140 Mio. Objekte. Ein historisch gewachsener, einmaliger Schatz. Davon werden rund 100 Mio. in großen Museen betreut aber auch rund 40 Mio. in mittleren und kleinen Museen. Deutschland steht damit weltweit an der Spitze hinsichtlich der Größe und Bedeutung dieser Sammlungen. Seit Jahren zeichnet sich allerdings bundesweit die Gefährdung vor allem kleinerer naturkundlicher Museen und Sammlungen ab. Die Tagung „Deutschlands naturkundliche Sammlungen – Erhaltung der Vielfalt als gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ in Berlin brachte am 15. Februar 2013 erstmals Vertreter von Naturkundemuseen, Träger und Förderer sowie Vertreter der Politik aus ganz Deutschland zusammen, um über Aufgabe, Lage und Zukunft der naturkundlichen Sammlungen zu diskutieren. Das Fazit der Tagung: Naturkundemuseen spielen mit ihrem Forschungspotential eine essentielle Rolle für den Erhalt der biologischen Vielfalt, unsere Zukunftsfähigkeit und kulturelle Identität. Allerdings ist dies nicht ausreichend bekannt, weswegen vielerorts naturkundliche Sammlungen akut bedroht sind. Überregionale Hilfe ist geplant, kann aber nur gelingen, wenn die Träger ihre Museen stärker unterstützen.

Die Gesamtheit aller Sammlungen bildet eine Forschungsressource für Fragen des globalen Wandels und des Verständnisses des Ökosystems Erde.

Klaus Töpfer, ehemaliger Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, betonte es in seinem Grußwort zu Beginn der Tagung: „Naturkundemuseen sind gesellschaftlich sehr bedeutsam“. Nur wenn man die Vergangenheit des Lebens kenne, könne man auch Vorhersagen für die Zukunft machen. Hier käme den naturkundlichen Sammlungen eine eminente Rolle zu. Auch Volker Rodekamp, Präsident des Deutschen Museumsbunds (DMB), bescheinigte den Naturkundemuseen „höchste Bedeutung“ hinsichtlich der Forschung zum Verlust der biologischen Vielfalt und der zugehörigen Bildungsarbeit. Weitere Redner weiteten die Rolle von naturkundlichen Sammlungen und Museen noch aus: Diese lieferten Antworten auf die globalen Herausforderungen Klima, Ressourcen, Wasser, Nahrung, biologische Vielfalt und soziale Gerechtigkeit. Darüber hinaus käme ihnen eine Bedeutung als lokales und überregionales „kulturelles Gedächtnis“ zu. „Mit rund hundert Standorten sind die Naturkundemuseen über ganz Deutschland verteilt und bestens geeignet, als wissenschaftliche Einrichtung und zudem vor Ort auch als schulische und außerschulische Lernorte zu wirken“, sagte Johanna Eder, Direktorin des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart und Vorsitzende des Verbunds der großen deutschen Naturkundemuseen, der DNFS.

Seit Jahren zeichnet sich die Gefährdung vor allem kleinerer naturkundlicher Museen und Sammlungen ab.

Dies sei richtig, unterstreicht auch der Deutsche Museumsbund. Insbesondere die mittleren und kleinen Museen müssten von ihren Trägern deutlich besser ausgestattet werden, schafften sie doch auch kommunale Identität. Doch viel zu oft sei der Kulturetat, aus dem die Museen finanziert würden, erstes Opfer von Kürzungen. Oft seien die Museen in einer fatalen Abwärtsspirale gefangen: Es gebe weniger Geld und Personal, die Museen können deshalb weniger Leistungen erbringen, werden dadurch weniger wahrgenommen, was wiederum dazu führe, dass ihnen noch weniger Geld und Personal zur Verfügung gestellt werde. Aktuell sind die Naturkundemuseen in Dessau-Roßlau, Hamburg, Leipzig und Cottbus bedroht.

Dass es aber auch erfreuliche Beispiele gibt, zeigen das Naturkundemuseum der Universität Halle-Wittenberg und das Naturkundemuseum in Chemnitz. Hier lässt das Zusammenspiel engagierter Trägers und ideenreicher Museumsleiter derzeit die örtlichen naturkundlichen Sammlungen aufblühen. Leider können diese Museen die Verluste an anderen Stellen nicht kompensieren.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion an der, u.a. der Oberbürgermeister der Stadt Dessau-Roßlau, Klemens Koschig, Klaus Hebborn, als Vertreter des Deutschen Städtetags und der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Wolfgang Marquardt, teilnahmen, stand die Bedeutung der Sammlungen für Wissenschaft, Forschung und Gesellschaft außer Frage. Leider seien den Trägern der Häuser derzeit - nicht zuletzt aufgrund gesetzlicher Strukturen - oft die Hände gebunden.

Wie kann in Zukunft das erfolgreiche Bestehen naturkundlicher Sammlungen ermöglicht werden?

Möglichkeiten einer Lösung der Probleme sehen die Initiatoren und Teilnehmer der Tagung vor allem in der verstärkten Profilbildung der Museen und einer besseren Vernetzung der Institutionen und Nutzung der bestehenden Netzwerke, wie DMB und DNFS. Von diesen sollen vor allem die kleineren Häuser profitieren. Unterstützung für die kleinen und mittleren naturkundlichen Sammlungen soll auch von den großen naturkundlichen Forschungsmuseen kommen. „Die großen Naturkundemuseen sind in der Pflicht, den anderen naturkundlichen Sammlungen zu helfen, sie zu unterstützen“, sagte Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin. Aber nicht nur die großen Museen sind gefragt. Die Tagung hat deutlich gezeigt, dass alle Akteure bei der Erarbeitung einer zukünftigen nationalen Strategie zur Erhaltung der Sammlungen gefragt sind: Die Museen selbst, Ihre Träger, Politik, Förderer und Drittmittelgeber. Schlagworte sind dabei die virtuelle Vernetzung der Sammlungen als nationale Forschungsinfrastruktur, Kreativität, stärkere Profilbildung der einzelnen Häuser im Kontext ihres jeweiligen Standortes. Zudem bleibt die Verbesserung der Wahrnehmung der naturkundlichen Museen als Forschungs- und Wissenschaftseinrichtung in der Öffentlichkeit entscheidend. Hier sehen die Verantwortlichen Nachholbedarf. „Nicht zuletzt müssen die Naturkundemuseen auch ihren Wert im Verbund der Kultureinrichtungen in Deutschland deutlich machen“, so Norbert Niedernostheide, Sprecher der Fachgruppe der naturwissenschaftlichen Museen im DMB.

Die Tagung konnte Akzeptanz für die Relevanz der naturkundlichen Sammlungen fördern. Eine wichtige Basis für ein weiteres konstruktives Vorgehen, bei dem ausschlaggebend sein wird, dass die zuständigen Akteure und Institutionen untereinander im Gespräch bleiben.